ORT DER LIST und der Baukultur

20. List

Donnerstag, 26. Mai 2016, 17 Uhr

Fragestellung: Tilly und Werner Buob als Gäste, Input Referat zum Umgebindehaus und Implikationen fürs Appenzellerhaus
Schlagworte: Renovation, neue Nutzung, Heimatschutz, Tradition, Innovation

Thematisch knüpft die 20. List eng an die 19. List an. Wir diskutieren darüber ob und in welcher Form die Appenzellerhäuser entsprechend ihrer heutigen Nutzung angepasst und in ihrer Form gleichzeitig erhalten bleiben können beziehungsweise erhalten bleiben sollen.
Input liefert ein Referat von Tilly und Werner Buob, die in der Lausitz (DE/PL) das Umgebindehaus kennengelernt haben. Beim Umgebindehaus werden Blockbau-, Fachwerk- und Massivbauweise verbunden. Dabei gestaltete sich insbesondere die Nutzung sehr ähnlich wie beim Appenzellerhaus. Im Untergeschoss befindet sich ein Stall, der durch eine Diele von der Stube getrennt ist. Anders als beim Appenzellerhaus befindet sich der restliche Wohnraum aber über dem Stall und der Stube. Ausführliche Informationen zur Konstruktionsweise und der Nutzung sind auf www.kulturdenkmalhaus.de abrufbar. Der grosse Unterschied zum Appenzellerhaus, der dann auch Gegenstand der Diskussion war, ist der heutige Umgang mit diesen traditionellen Bauten. Sie werden renoviert und zum Teil auch für Kleingewerbe genutzt. In ihrer Form und Erscheinungsart bleiben die Bauten aber sehr authentisch. Wie kommt das? In der Lausitz gibt es einen Ratgeber vom Denkmalamt für die Sanierung von Umgebindehäusern, es werden Tage der offenen Türe durchgeführt, eine Umgebindehausbörse dient zur Vermittlung dieser Bauten und das Umgebindehaus und seine Konstruktionsweise werden in den Schulunterricht integriert und an der Universität gelehrt. In den Massnahmen, die in der Lausitz umgesetzt werden, finden sich also sehr viele Parallelen zu den Vorschlägen, die Hans-Ruedi Beck in der 19. List für den Umgang mit dem Appenzellerhaus vorgeschlagen hat.
In der anschliessenden Diskussion über die Implikationen fürs Appenzellerhaus wird zuerst über die Unterschiede in der Konstruktion und in der Nutzung diskutiert. Es stellt sich die Frage, ob eine stärkere Bewahrung der traditionellen Form des Umgebindehauses vielleicht auch durch dessen „zeitgemässere“ Konstruktionsweise bedingt ist, beispielsweise durch die höheren Räumen, die allgemein viel grösseren Bauten und die weniger herausfordernde topografische Lage. Weiter kommt hinzu, dass die Konstruktionsart des Appenzellerhauses nicht existiert, da es mehrere Typen von Appenzellerhäusern gibt.
In der Diskussion zeigen sich zwei gegensätzliche Positionen. Zum einen wird gewünscht, dass die ursprüngliche Form der Appenzellerhäuser gänzlich erhalten bleiben soll. Es wird argumentiert, dass ausserhalb der dörflichen Bauzone, wo zum jetzigen Zeitpunkt bereits relativ viel verloren gegangen sei, keine Experimente zugelassen werden sollen. Die Bauweise von früher wird als viel nachhaltiger empfunden und die identitätsstiftende Wirkung beziehungsweise die Bedeutung der Appenzellerhäuser für Tradition und Heimatgefühl sollten nicht unterschätzt werden.
Auf der anderen Seite steht die These, dass die neue Nutzung auch ein neues aber passendes Erscheinungsbild fordert. Es macht demnach keinen Sinn Strickfassaden zu bauen, wenn sie heute für die Konstruktion nicht mehr benötigt werden. So wird lediglich ein Abbild dessen erzeugt, was tatsächlich einmal gebaut wurde. Vertreter dieser Position sagen es brauche einen Prozess der Austarierung. Also ein ständiges Abwägen und Erzeugen zwischen altem und neuem, Erscheinungsbild und Nutzung.

Die zentrale Frage, die sich im Rahmen der 20. List stellt und die auch nicht abschliessend beantwortet werden kann ist demnach: Wie können wir ein angemessenes Weiterbauen an den Appenzeller Häusern fördern?